Gastbeitrag von Kirstin Wolf: #AUSGEZÄHLT – Wie die Mathe Mädchen die Karriere vermiesen kann.

Gastbeitrag von Kirstin Wolf

Ich saß heute mit Christina zusammen, einer bildhübschen jungen Frau mit tollen Ambitionen. Sie hat mir ihren Werdegang geschildert und ich wurde sofort stutzig, dass sie – sprachgewandt, schlau, verknüpft denkend – kein Abitur und kein Studium vorzuweisen hat, sondern mit einem Realschulabschluss ihre schulische Ausbildung beendet hat. Dabei hatte sie als Kind Großes vor und startete mit den besten Grundvoraussetzungen. Ein klarer Vorteil beispielsweise liegt darin, dass sie perfekt Englisch spricht, die Sprache ihrer Mutter und Deutsch, die Sprache des Vaters und des bayerischen Schulsystems, in dem sie aufwächst. Das Gymnasium besucht sie bis zur 11. Klasse, hat eigentlich in allen Fächer gute Noten, bis auf … Mathe! Sie rutscht schon ab der 8. Klasse mit ihren Matheleistungen kontinuierlich ab. Nachhilfe, Ermunterungen, Fleißaufgaben, Drohungen – nichts will helfen, der Zugang zu diesem Fach ist absolut blockiert. Schließlich fällt sie wegen fehlender Punkte in Mathe durch die 11te und ist inzwischen mit einer wahren Prüfungspanik bemannt, so dass sie kampflos aufgibt, das Gymnasium verlässt und mit Realschulabschluss einen Ausbildungsberuf annimmt. Das Abi möchte die heute 22-Jährige nicht mehr nachmachen, ein Studium reizt sie auch nicht. Zu groß ist die Angst vor dem Lernen und einem möglichen Scheitern geworden. Grund: Mathe.

Sucht man nach Erklärungen für Christinas Fall, stößt man beispielsweise auf einen OECD-Bildungsbericht aus dem Frühjahr 2015. Der Bericht zeigt, dass in 38 OECD-Staaten Jungs im mathematischen Bereich viel besser abgeschnitten haben als Mädchen – eine Geschlechterpräferenz von Jungs für Mathe scheint bestätigt. Doch bei genauerer Betrachtung fällt auf, „dass Mädchen in besonders leistungsstarken Volkswirtschaften in Mathematik mit den Jungen gleichauf sind und weit bessere Ergebnisse erbringen als die Jungen der meisten anderen Länder. Die Geschlechterdifferenzen begründen sich also nicht durch angeborenes (Un)Vermögen, sondern vielmehr durch eine erworbene Haltung gegenüber der Materie, der Schule, beziehungsweise dem Lernen ganz allgemein.“ (Vgl. OECD: The ABC of Gender Equality in Education: Aptitude, Behaviour and Confidence, http://www.oecd.org/pisa/keyfindings/pisa-2012-results-gender-eng.pdf). Interessant ist auch die im Weiteren aufgezeigte Relation zwischen der schulischen Einstellung gegenüber Mathematik und Naturwissenschaften und dem späteren Interesse an naturwissenschaftlichen oder technischen Berufen. Im OECD-Schnitt kann sich weniger als eines von 20 Mädchen im Alter von 15 Jahren vorstellen, später in einem sogenannten MINT-Fach (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu arbeiten. Das ist deshalb problematisch, weil gerade die MINT-Berufe zu den bestbezahlten Karrieren führen. Und wenn man schon an diesem Punkt ist: Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen ist in kaum einem OECD-Land so groß wie in Deutschland.

Die Strategie muss lauten: Mut machen!

Der OECD-Bericht zeigt auch auf, dass Eltern, Lehrer und Arbeitgeber das Image von Naturwissenschaften und Mathe – insbesondere im Hinblick auf die spätere Berufswahl – signifikant verändern können. Gerade die Eltern tragen nach neuesten Erkenntnissen dazu bei, welches Interesse an bestimmten Berufsbildern entsteht. So können sich in Chile, Ungarn und Portugal etwa 50 Prozent der Eltern vorstellen, dass ihr Sohn später einen MINT-Beruf ergreifen wird, für ihre genauso leistungsstarken Töchter können das nur 20 Prozent. In Korea dagegen gibt es kaum geschlechterspezifische Unterschiede bei den Berufserwartungen der Eltern. Verändert sich neben der Einstellung zuhause noch die Lehrstrategie an Schulen, Schülerinnen und Schüler selbst erklären zu lassen, wie sie eine Aufgabe gelöst haben und in welchem praktischen Kontext das Gelernte angewendet werden kann, dann verbessert das insgesamt – vor allem aber bei den Mädchen – die Leistung in den MINT-Fächern.

Wichtig erscheint mir, dass das Schulsystem, die Lehrpläne, das schulische Umfeld und die Einstellungen der Eltern sich verändern: Es sollte locker und spielerischer mit komplexen Stoffen umgegangen werden, damit sich Veränderungen einstellen. Lerncoaching, psychologische Betreuung und ein guter Austausch aller an der Ausbildung Beteiligten sollte in allen Schularten stärker berücksichtigt werden – das wäre dann bereits die halbe Miete auf dem Weg, mehr Mädchen mehr Spaß an Mathe und später dann mehr Frauen mehr Freude an technischen Berufen zu vermitteln!

Meine Link-Empfehlung, Mädchen für naturwissenschaftliche Karrieren zu stärken:

Ihre Kirstin Wolf

Kirsten WolfKirstin Wolf (44) absolvierte ein Lehramtsstudium und eine Marketingausbildung. Heute arbeitet sie als Pädagogin, Jugend- und Berufscoach, denn früh schon hat sie in ihrer Laufbahn die Leidenschaft für die Anliegen junger Menschen erkannt. Durch ihre Coachings hilft sie Jugendlichen und jungen Erwachsenen, den richtigen Beruf zu finden und die Karriere einzuschlagen, von der die Suchenden träumen. Kirstin Wolfs pädagogischer Ansatz ist es, durch erlebnisorientierte Maßnahmen, alle Sinne und (Lern-)Kanäle der jungen Menschen anzusprechen, diese selbst Erfahrungen machen zu lassen und daraus für sie ihre optimalen individuellen Lösungen zu generieren.

Es ist für Jugendliche, die sich in fast allen Bereichen ihres jungen Lebens neu orientieren müssen, gar nicht so leicht, die eigenen Stärken zu erkennen und gezielt auf ein Berufsbild hinzustreben, das diesen Talenten entspricht. Diese Erkenntnis über die eigenen Stärken und Schwächen sind aber für jeden jungen Menschen die Basis für Motivation und Leistungsfähigkeit. Durch ihre langjährige Berufs-, Menschen- und Lebenserfahrung weiß Kirstin Wolf, dass gerade durch das gezielte Coaching junger Menschen zwischen 16 und 30 Jahren deren Potenziale schon früh entdeckt und nachhaltig entwickelt werden können. Das stiftet Orientierung und – statt jahrelang blind im Ausbildungs- und Arbeitsmarkt herum zu probieren – eine größere Sicherheit in der Berufswahl. Auch für Unternehmen sind diese Jugendcoachings eine große Chance, sich rechtzeitig um geeigneten Nachwuchs zu kümmern. Daher bietet Kirstin Wolf in erster Linie Eltern, Schulen und anderen Institutionen für Jugendentwicklung, Berufsverbänden oder Unternehmen selbst die speziellen Coachings für Jugendliche an.

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3 Gedanken zu “Gastbeitrag von Kirstin Wolf: #AUSGEZÄHLT – Wie die Mathe Mädchen die Karriere vermiesen kann.

  1. Eine kleine Anmerkung: „Wegen Mathe“ wird man nur dann nicht versetzt, wenn man keinen Ausgleich hat. Ausnahme: Null Punkte.

  2. Die Mädchen gehen uns leider oft schon vor dem zehnten Lebensjahr für Mathematik verloren.

    Einstellung der Eltern ändern? Ja, unbedingt. Nur wie?

    Schulsystem? Lehrpläne? Ist es das, oder vielleicht doch eher so vielen Mathelehrern helfen, ihre Einstellung zu ändern? Was Lehrpläne auf jeden Fall vertragen würde ist, den Kindern zu vermitteln wozu Mathematik überhaupt gut ist, und wo das ganz praktisch vorkommt. Wenn Kinder begreifen (sic!), dass Mathematik in fast allem steckt, ergeben sich ganz neue Ansätze.

    Dazu auch Gedanken aus 2013: http://www.schlosser.info/angst-mathematik-schule-lehrer/ bzw. http://www.schlosser.info/angst-mathematik-schule-mutter/

    1. Nur wie? Dazu müssen/ müssten/ sollten alle von Ihnen erwähnten Beteiligten beitragen (Eltern, Lehrpersonen, die Lehrpläne, …).
      Vielen Dank für die weiteren Gedanken und Links.

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